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Nina Schmid

Kunst in Coronazeiten - War wirklich Alles schlecht?...

Dezember 2020

Porträt Nina Schmid

Nina Schmid
Künstlerin – Malerei / Photographie
lebt in Mindelheim

www.ninaschmid.de

Instagram-Account: nina schmid art
Facebook: Nina Schmid Kunst


Und dann war alles anders…
Anfang Februar 2020 saß ich über meinem Beitrag zur Jahresausstellung des Mindelheimer Kunstvereins zum Thema Zukunft. Ist die Zukunft in der Kunst und aus Sicht von uns Künstlern bunt oder schwarz weiß?

Nichtsahnend, wie uns alle dieses Thema bereits zwei Monate später beherrschen würde, malte ich einen grauen Schimpansen mit grünem Mundschutz und der leuchtend bunten Aufforderung 
KEEP SMILING


Auch wenn wir nicht richtig barrierefrei sind hier auf unserer Website, so versuchen wir doch, auch Sehbehinderten einen Zugang zu unserem Projekt zu geben. Und deshalb könnt ihr über Klick auf den Pfeil die Statements nun auch hören. Viel Spaß!

Der Affe hängt mittlerweile in Kanada, wo er die coronabedingte Trennung zweier Liebender mit Humor zu meistern versucht. Allen bunten Lettern zum Trotz verging mir dann aber doch das Lachen – was passiert da? 
Die Bilder und Berichte aus den Nachbarländern schockierten mich, das Verhalten mancher Menschen in meinem eigenen Land aber umso mehr. Während man selbst noch kurz den abgesagten Urlaub bedauerte und die eigenen Kinder bemitleidete, dass sie ihren Geburtstag nicht feiern können und es keine Abschlussfahrt oder Parties gibt, schaute man besorgt ins Krankenhaus und war dankbar, dass alle gesund waren. Auch wenn man die Oma nicht mehr umarmen soll, so ist sie noch da und ermutigt uns mit ihren 93 Jahren, dass wir auch das noch schaffen werden und es Schlimmeres gibt.

Sind wir egoistisch und jammern auf hohem Niveau?

In den ersten Wochen wollte ich nicht ins Atelier, weil es dort ungewohnt ruhig und auch beklemmend war. Mein Atelier ist im Haus meines Bruders untergebracht, in welchem er seine Restaurant-Bar führt und wo normalerweise immer Neugierige sowie Freunde und Familie vorbeischauen und sich meine Malerei mit Gesprächen, Genuss und Freude mischt. Als der Lockdown ihn zum Stillstand zwang, fehlte mir die Muße, um dort unbekümmert und frei arbeiten zu können und so stürzte ich mich in andere Projekte wie die farbliche Umgestaltung des Wohnzimmers samt der Möbel. So ganz ohne Farbe geht’s halt doch nicht in meinem Leben.

Den Lockdown selbst empfand ich sonst eher als ein Geschenk, vor allem die Stille. Die nahe Autobahn war leer, es brummten keine LKW monoton herüber und selbst das Dorf schien in eine Art Dornröschenschlaf gefallen zu sein. Wenn ich morgens mit der ersten Tasse Kaffee in den Garten schlich, waren die Vögel das einzig wahrnehmbare Geräusch und das wilde, bunte und aufgeregte Zwitschern und freudige Begrüßen des Frühlings erschien mir fast schon laut und ungewohnt. Als ob die Natur zurückbrüllt, weil wir endlich schweigen müssen. Während tagsüber die Kinder der Nachbarn unten auf der Straße die lauteste Geräuschkulisse bildeten und ab und zu ein Hund bellte, sank nachts alles in eine tiefe und beinahe unnatürliche Stille.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang, als ich mitten auf dem Weg innehielt und gelauscht habe…und alles was ich hörte war…Nichts. Wehmut überkam mich, weil ich mir damals dachte, dass es nie wieder so ruhig werden würde wie in diesen Wochen. So still alles war, so leer wurde der Himmel. Keine Flieger mehr, nur Wolken oder weites pures Blau. Mir fiel auf, wie sehr die Kondensstreifen doch zu unserem täglichen Bild gehören und wie schön es ohne wäre. Eine optische Stille.

Während andere bereits jammerten wie sehr ihnen die Abwechslung und der Alltag fehlen, genoss ich die Ruhe und das Fehlen von Verpflichtungen. Neben all den Sorgen, Ängsten und der Ungewissheit, wie es weitergeht, hatte ich Vertrauen in diejenigen, die die Maßnahmen beschlossen und im Sinne unserer Gesundheit handelten und konnte dem Lockdown etwas Gutes abgewinnen:

Entschleunigung

Es war plötzlich egal, was man tat oder wann man es tat, weil man nichts verpasste wenn man es nicht tat. Keine Feier, zu der man eigentlich eh nicht wollte, kein Vorwurf wenn man eine Veranstaltung verpasste und kein Druck – auch nicht der, den man sich selber auferlegt. Nach den ersten Wochen fand ich meine Muße wieder und ich begann da, wo ich vor vielen Jahren einmal aufgehört habe. Bei den kleinen feinen Motiven, die mir viel Konzentration und Ruhe abverlangen und mich bis tief in die Nacht an den kleinsten Pinsel fesseln. Es tat gut, sich wieder den Dingen zu widmen, die einem schon früh etwas bedeutet haben. Zurück zu den Wurzeln und zu den alten Techniken und Malweisen – zurück zu mir.

Stundenlange Spaziergänge im Frühling, neue aufwändige Rezepte, lange Telefonate und viel Zeit zum Nachdenken. Faulenzen ohne schlechtes Gewissen. Das Ausmisten verschiedener Schränke, Schubladen und der Gedanken. Zeit für Ordnung. Zum Lesen. Für Träume und Sehnsüchte. Pläne. Feststellen, dass einem Konzerte und das Tanzen fehlt. Kleinigkeiten.

So schön die Zeit des Stillstands irgendwie war, so überwältigend war die erste Umarmung und das ersehnte Treffen mit meinen Freundinnen, die erste Bergtour mit der Schwester und die erste Autofahrt, die weiter ging als zum Supermarkt oder zur Oma, die man mit Lebensmitteln versorgte. Nach monatelangen Ferien und dem Ende der Kurzarbeit war ich zum ersten Mal wieder wirklich alleine Zuhause. Zeit, sich endlich auf neue Projekte vorzubereiten und auch wieder ins Atelier zu gehen.

Dankbarkeit, dass wir es bis dahin gut überstanden haben und Hoffnung, dass alles wieder gut wird.
KEEP SMIILING